Märchenzoos

 

„Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum…?“

 

Der Märchenzoo Ratingen (bei Düsseldorf)

 

von Colin Goldner

 

Ganz dem Geiste der Zeit entsprechend wurden ab Ende der 1920er quer durch Deutschland sogenannte „Märchenwälder“ eingerichtet, in denen Kindern und Erwachsenen „deutsches Kulturgut“ vermittelt werden sollte: vornehmlich die Märchen der Gebrüder Grimm, die als „urdeutsche Volksliteratur“ und insofern unabdingbar galten in der Erziehung zu Vaterlandsliebe und rechtem Deutschtum.

 

Der 1931 begründete (und bis heute bestehende) „Märchenwald Altenberg“ etwa (gelegen zwischen Solingen und Bergisch Gladbach) bestand, wie all die anderen Märchenwälder auch, aus einem umzäunten bewaldeten Areal mit um einen Rundweg herum angelegten kleinen Häuschen, in denen mittels lebensgroßer Figuren Schlüsselszenen aus den populärsten (der insgesamt mehr als 200) Märchen der Grimms dargestellt wurden (Aschenputtel, Die sieben Raben, Frau Holle, Schneewittchen usw.). An den Häuschen waren Schrifttafeln angebracht, auf denen das jeweilige Märchen in Kurzform nachzulesen stand.

 

Während des „Dritten Reiches“ wurden die gesammelten Werke der Grimms vom NS-Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vereinnahmt, die Märchen wurden integraler Teil des Schulunterrichts. Viele der Märchen wurden auch hochkarätig kinoverfilmt, der „Froschkönig“ etwa von einem Kamerateam, das den Riefenstahl-Reichsparteitagsfilm „Triumph des Willens“ von 1934/35 gedreht hatte. Regie führte, wie bei einer Reihe weiterer Märchenproduktionen, der von der NS-Reichsfilmkammer besonders protegierte Alf Zengerling.

 

Die von den Nazis gezielt geschürte Begeisterung für die Grimmschen Märchen überdauerte die NS-Zeit, so dass in den 1950ern und 60ern (und letztlich bis herauf in die Jetztzeit) zahllose weitere Märchenfilme gedreht und eine Vielzahl weiterer Märchenwälder begründet wurden. Ein gutes Dutzend der Märchenwälder, im Laufe der Jahre mehr oder weniger „modernisiert“ (z.B. Märchentexte vom Tonband) und um allerlei Freizeitparkelemente erweitert (Minigolf, Autoscooter, Parkeisenbahn, Sommerrodeln usw.), existiert bis heute. Einige dieser Einrichtungen verstehen sich ausdrücklich als „Märchenzoos“, in denen als zusätzliche Attraktion lebende „Haus- und Wildtiere“ vorgehalten werden.

 

Im „Märchenwald Schongau“ (Oberbayern) beispielsweise finden sich „Streichelgehege“ mit Hasen, Schafen oder Ziegen, dazu Papageien, Pfauen, Emus und jede Menge sonstiger Vögel; gegen Sonderentgelt kann der Rundweg auch im Sattel parkeigener Ponies zurückgelegt werden. In ganz ähnlicher Form ist auch der „Märchenwald Saalburg“ (Thüringen) mit Tieren bestückt, desgleichen der bereits erwähnte „Märchenwald Altenberg“. Der „Märchenpark Frankenhof“ (Münsterland) hält rund 500 Tiere aus dutzenden verschiedener Arten vor (darunter Rentiere, Bisons, Luchse, Elche, Skunks und Yaks). Auch wenn die einzelnen Einrichtungen laut Definition des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) als „Zoos“ gelten und die Unterbringung und Versorgung der Tiere insofern bestimmten Minimalerfordernissen genügen müsste, ist deren Einhaltung keineswegs überall und in ausreichendem Maße gewährleistet. Veterinäramtliche Kontrollen gibt es alle „heiligen drei Zeiten“.

...und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen

Völlig aus der Zeit gefallen…

 

Unweit eines aufgelassenen Steinbruches bei Ratingen (NRW) findet sich der 1952 begründete „Märchenzoo am Blauen See“. Auf einer Fläche von knapp drei Hektar führt ein Rundweg an einer Handvoll Grimmscher Märchenstationen vorbei: Dornröschen, Hänsel&Gretel, Schneewittchen, Froschkönig Aschenputtel, Rotkäppchen, Rumpelstilzchen und Tischlein-deck-dich; dazu Aladin mit fliegendem Teppich. An den Häuschen samt lebensgroßen Figuren – wetterfest aus Beton gefertigt – scheint seit den Gründertagen des Zoos nichts instandgesetzt oder überholt worden zu sein. Der „Märchenzoo am Blauen See“

stellt sich unverändert genauso dar, wie ihn die Eltern, Groß- und vielleicht gar Urgroßeltern heutiger Besucherkinder in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben: Nichts, aber auch gar nichts hat sich geändert, was für das Gros der Besucher*innen, die mit ihrem Nachwuchs hierherkommen, gerade den „Zauber“ des völlig aus der Zeit gefallenen „Märchenzoos“ ausmachen dürfte: Ganz so wie früher, ohne aufwändige Fahrgeschäfte oder sonstige Freizeitparkattraktionen, nur mit einem Sandkasten samt einer einfachen Rutsche. Und natürlich mit den Märchenstationen, über die die heutige Generation mit dem pädagogisch ach wie wertvollen Kultur- und Märchengut der Grimms vertraut gemacht werden kann:  Von einer menschenfressenden alten Frau etwa, die in einen Backofen gestoßen und darin verbrannt wird: „Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.“ (Hänsel&Gretel). Oder von zwei bösen Stiefschwestern, denen zwei Tauben beide Augen aushacken: „Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft.“ (Aschenputtel). Oder von einer eitlen Königin, die ein junges Mädchen seiner Schönheit wegen vergiften will, zuletzt aber selbst zu Tode gefoltert wird: „Aber es waren schon eiserne Pantoffel über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen hereingetragen und vor sie hingestellt. Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.“ (Schneewittchen).

 

Nicht unerwähnt bleiben dürfen an dieser Stelle die antisemitischen Ressentiments, von denen die Märchen der Grimms weit mehr durchzogen sind, als dies auf den ersten Blick auffällt. Manches ihrer Märchen ist ganz unverhohlen antisemitisch: so sucht etwa ein „Jude mit einem langen Ziegenbart“ [=ein Rabbiner?] in heimtückischer Manier einen Spielmann an den Galgen zu bringen, um sich dessen Geld anzueignen. Der Spielmann entlarvt das Lügenkonstrukt des Juden, der nun selbst zum Galgen geführt und aufgehängt wird (Der Jud‘ im Dorn). Im Gesamtwerk der Grimms findet sich eine lange Liste antisemitischer Textstellen.

...und warf ihn mit allen Kräften wider die Wand

Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!

 

In vielen Märchen der Grimms spielen Tiere eine tragende Rolle, meist kommen sie nicht gut weg (unabhängig davon, wie die jeweilige Geschichte tiefenpsychologisch oder sonstwie interpretiert werden mag): Ein Frosch etwa wird, als er von einer Prinzessin den versprochenen Lohn für eine Hilfeleistung einfordert, von dieser brutal an die Wand geknallt: „Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: ‚Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.‘" (Der Froschkönig). Merke: Frösche sind garstig, man darf sie getrost an die Wand werfen.

 

Besonders schlecht kommt der Wolf weg: In einem der Märchen verführt er ein kleines Mädchen, das er letztlich, zusammen mit dessen Großmutter, auffrisst. Ein zufällig des Wegs kommender Jäger schneidet dem schlafenden Wolf den Bauch auf: „Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sprang das Mädchen heraus. Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus. Das Mädchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, dass er gleich niedersank und sich totfiel. Da waren alle drei vergnügt“ (Rotkäppchen). In einem anderen Märchen überlistet der Wolf sieben junge Geißlein, die er alle, bis auf eines, dass sich zu verstecken weiß, verschlingt. Daraufhin schläft er ein. Als die Geißenmutter nach Hause kommt, schneidet sie „dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so sprangen nacheinander alle sechs Geißlein heraus, und waren noch alle am Leben. Das war eine Freude! Die Alte aber sagte: ‚Jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.‘ Da schleppten die sieben Geißerchen in aller Eile die Steine herbei und steckten sie ihm in den Bauch, so viel als sie hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, daß er nichts merkte und sich nicht einmal regte. Als der Wolf endlich ausgeschlafen hatte, machte er sich auf die Beine, und weil ihm die Steine im Magen so großen Durst erregten, so wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu gehen, so stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und rappelten. Da rief er: ‚Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum…?‘ Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen und riefen laut: "Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!" und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.“ (Der Wolf und die sieben Geißlein). Merke: der Wolf ist hinterhältig und böse, man darf, ja muß ihn töten.

 

Der „Märchenzoo am Blauen See“ hält neben den Märchenstationen eine Reihe an Tieren vor, die von den Besucherkindern mit am Kassenhäuschen zu erwerbenden Pellets gefüttert werden dürfen: einen Esel, ein Pferd, ein Hängebauchschwein, einige Hasen sowie Enten, Gänse, Hühner, Pfauen und ein paar Ziegen. Letztere sind direkt in das Märchengeschehen eingebunden: der (völlig heruntergekommene) Ziegenstall stellt das Wohnzimmer der „sieben Geißlein“ dar, durch dessen Fenster eben ein (Beton-)Wolf hereinspringt.

Einsamer Räuber...

Ali Babas letzter Räuber

 

Bis in jüngste Vergangenheit hinein wurden in einem „orientalisch“ anmutenden Gehegebau neben dem Eingang des Zoos zahlreiche Rhesusaffen gehalten – zu Zeiten mehr als zwei Dutzend Tiere –, die die „Räuber“ aus der „Tausendundeine Nacht“-Geschichte „Ali Baba und die vierzig Räuber“ darstellen sollten. Der als letzter übriggebliebene „Räuber“ – Nachzucht oder Neuerwerb war dem Märchenzoo seit Jahren schon nicht mehr gestattet - wurde nach endlosen Verhandlungen des Great Ape Project mit den Betreibern des Zoos mittlerweile in das Wales Ape & Monkey Sanctuary nach Südengland verbracht. Hier kann der letzte Ratinger Affe seine verbleibende Lebenszeit in einer größeren Gruppe anderweitig beschlagnahmter oder abgegebener Rhesusmakaken zubringen. Erwartungsgemäß steuerte der Märchenzoo keinen Cent zu Transport und Unterhalt des Affen bei, mit dem man 28 Jahre lang Geschäft gemacht hatte. Das nunmehr leerstehende „Tausendundeine Nacht“-Gehege wurde etwas umgestaltet und anstelle der Affen mit zwei Waschbären bestückt.

 

TIERBEFREIUNG #108/September 2020