Kunst

"Kunst trägt immer politischen Geist und gesellschaftliche Bezugsgrößen in sich, und zwar deshalb, weil jeder Künstler, der nicht völlig im Kommerz aufgegangen ist, sich als Vorkämpfer einer besseren Welt versteht." (Documenta 2017)

 

Kann Kunst Tierbefreiung?

 

Auf dieser Seite stellen wir Künstlerinnen und Künstler vor, die sich auf die ein oder andere Weise mithin mit Menschenaffen befassen; in deren Werken diese indes nicht bloßes Objekt sind mehr oder minder gekonnter künstlerischer Gestaltung und Umsetzung, sie vielmehr zum unmittelbaren Subjekt werden, das dem Betrachter als ebensolches gegenübertritt: ihn emphatisch auffordert zu Dialog und Handlung.

 

Sie alle können - in weitestem Sinne - als Botschafter des Great Ape Project gelten.

 

Die vorgestellten Künstlerinnen und Künstler haben selbstredend eine Vielzahl weiterer Arbeiten geschaffen, nicht nur Menschenaffen und auch nicht nur Skulpturen: auf den jeweils  verlinkten websites finden sich weitere Informationen dazu.

Krystyna und Manuel Valverde

 

 

 

 

 

 

Eines der wichtigsten Werke des portugiesisch-polnischen Künstlerduos ist die "Pietá der Tiere" von 2015.

 

Heinz Theuerjahr

 

 

 

 

 

 

(1913-1991) lebte und arbeitete im Herzen des bayerischen Waldes. Er reiste in der Zeit seines Kunstschaffens vierzehnmal nach Afrika...

Roland Straller

 

 

 

 

 

 

(*1978) Atheist, Humanist und Tierrechtler, der sich in seinen Arbeiten gegen jede Form von Unterdrückung und Ausbeutung einsetzt.

Vincenc Vingler

 

 

 

 

 

 

(1911-1981) gebürtig in Prag, befasste sich der tschechische Bildhauer bevorzugt mit Tier-plastiken.

Mauro Corda

 

 

 

 

 

 

(*1960) Französischer Bildhauer mit giganti-schem Oeuvre, dessen Hauptaugenmerk auf phantastischen Tierskulpturen liegt.

Chris Moser

 

 

 

 

 

 

(*1976) Österreichischer Tierrechtler und Radikalkünstler, der seine Kunst - in oftmals verstörender Konsequenz - lebt...

Denise Hof

 

 

 

 

 

 

 

Engagierte Tierrechtlerin. Malerin und Kunst-therapeutin aus Friedberg bei Augsburg.

Robert Matthes

 

 

 

 

 

 

 

(*1982 in Ruldolstadt/Thüringen) Maler, Graphiker, Hochschullehrer und Tierrechtler.

Liu Ruowang

 

 

 

 

 

 

(*1977) Das Monumentalwerk "Erbsünde" fragt nach der Bedrohung des Ursprünglichen durch die Errungenschaften der Zivilisation.

#110, April 2021

Kann Kunst Tierbefreiung?

 

Aus dem Tagebuch eines Kunstbanausen

 

von Colin Goldner

 

Ich muß vorausschicken: Ich bin weder Kunsthistoriker noch Kunsttheoretiker, auch kein Kunstsachverständiger oder -experte, noch nicht einmal großer Kunstkenner. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich bin - mit Ausnahme vielleicht von Literatur - klassischer Kunstbanause, jedenfalls mit Blick auf bildende Kunst. Von Bildhauerei, Malerei, Grafik und dergleichen verstehe ich wenig bis gar nichts, am wenigsten, wenn das Adjektiv „modern“, „zeitgenössisch“ oder „aktuell“ davorsteht.

 

Vor einiger Zeit war ich eingeladen, im Kunstpalais Erlangen einen Vortrag zu halten, auf einer von der Kunstprofessorin Jessica Ullrich organisierten Tagung der sogenannten „Human Animal Studies“. Es waren bekannte Tierrechtlerinnen und Tierrechtler anwesend, die sich auf der Tagung mit den, wie es im Programm hieß, „vielfältigen Formen der Bildwerdung des Tieres“ auseinandersetzten.  Die Vorträge waren hochinteressant und spannend, sagten mir aber hinsichtlich der ausgestellten Kunstwerke, um die es ja eigentlich ging oder gehen sollte, herzlich wenig.

 

Ich selbst sprach über „Persönlichkeitsrechte für Menschenaffen“, ein Vortrag, den ich genausogut auf jeder anderen Tierrechtstagung hätte halten können. Mit der im Palais ausgestellten Kunst – und da waren Werke großer und größter Namen der Kunstszene dabei, von Beuys und Baselitz hin zu Immendorf und mehr als zwanzig weiteren Koryphäen - hatte das aus meiner Sicht nicht das Geringste zu tun. Auch die Vorträge der anderen Referentinnen und Referenten hatten das nicht. Mich sprach auch kein einziges der gezeigten Werke, die ich mir sehr genau ansah, auch nur im Geringsten an.  Kein Beuys, kein Baselitz, kein Immendorf, nichts. Obwohl alles irgendwie mit „Tier“ zu tun hatte, und obwohl es ja per definitionem „Kunst“ war, bedeutende sogar, sonst wäre sie nicht im Erlanger Kunstpalais ausgestellt gewesen. Ich nahm an einer professionellen Führung der Direktorin des Palais teil, die wortreich erklärte, dass die gezeigten Werke und Installationen zu einem „Perspektivwechsel anregen und nach der Handlungsmacht von Tieren fragen“. Nicht fragen wollen oder fragen sollen, sondern fragen. Mich hat keines davon nach irgendetwas gefragt, außer danach, was das Ganze soll. Klassische Banausenfrage.

 

Ganz ähnlich war es mir ihm Jahr davor ergangen, als ich die Documenta in Kassel besuchte, die weltweit wichtigste Werkschau zeitgenössischer Kunst. Was ich dort sah: eine Ansammlung mir absolut nichts sagender und streckenweise gar albern vorkommender Objekte und Installationen. Wen wollen die hier für blöd verkaufen, so der Banausengedanke, der sich mir bei meinem Rundgang durch die Documenta von einer Arbeit zur nächsten immer mehr festsetzte. Welch ein Schmarren. Und dafür zahle ich 22 Euro Eintritt. Mit Ausnahme des nachgebauten Parthenon-Tempels vielleicht, in dessen Säulen hunderte, ja tausende von Büchern steckten, die irgendwann irgendwo einmal verboten worden waren. Aber alles andere, so etwa drei mit buntem Sprühlack überzogene Baumstümpfe des Superstars der Kunstszene Ai Weiwei: Was will mir das sagen? Und: Wozu zum Teufel soll das gut sein?

 

Kunst muß zu nichts gut sein, habe ich irgendwo mal gelesen. Naja, für mich schon. Wenn mir als weiter Nicht-Kunstgebildetem, als Banausen also, ein Kunstwerk nichts sagt, nichts in mir bewegt, nichts auslöst, wenn ich nichts davon begreife, weder gefühls- noch verstandesmäßig, ohne dass mir ein anderer groß erklärt, was es zu bedeuten hat oder was der Künstler beziehuingsweise die Künstlerin sich dabei gedacht haben mag, ist es mir schlichtweg gleichgültig. Dann mag es zwar seine Existenzberechtigung haben, weil es anderen vielleicht etwas sagt, etwas in ihnen bewegt oder auslöst, vielleicht auch dem Selbstausdruck oder der Selbstfreisetzung des Künstlers oder der Künstlerin dient, meinethalben auch der Sublimation irgendwelcher Triebe, wie Freud meinte, oder was weiß ich, alles ok, mir persönlich ist es halt dann gleichgültig. Jedenfalls keine Kunst. Banausenposition eben.

 

Mittlerweile empfinde ich es gar nicht mehr als schändlich, Banause zu sein. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bezeichnet verächtlich einen „am Ofen (griech.=baũnos) Arbeitenden“, einen Menschen also, der sich seinen Unterhalt mit harter körperlicher Arbeit, im Schweiße seines Angesichtes sozusagen, verdienen muß. Daran ist nichts Ehrenrühriges, im Gegenteil. Im alten Griechenland aber galt es als minderwertig, Banausos zu sein, am Ofen, gemeint war der Töpfer- oder Keramikofen, oder sonstwo körperlich zu arbeiten. Am Ofen und mit Lehm, mit Urmaterie sozusagen, Arbeitende galten als Banausoi, begrifflich eng verwandt mit den Idiotes, den Ungebildeten, die von nichts Ahnung haben. Wertgeschätzt war nur der geistig Tätige, der Philosoph, der geringschätzig auf den mit Materie Tätigen, den Banausos, und sein Produkt herabsah und ihm allenfalls Wert zumaß, wenn er ihm selbst oder ein anderer seinesgleichen solchen zugemessen hatte.

 

An dieser wenn man so will: aristotelischen Geringschätzung des Werk- und Kunstschaffens hat sich im Grunde nicht viel geändert: bis heute ist weniger ein Kunstwerk selbst von Wert oder der, der es geschaffen hat, als vielmehr der, der ihm entsprechenden Wert zumisst, der sagt, dass es Kunst ist: der  Kunstphilosoph, Kunsttheoretiker, der Kunstsachverständige, Kunstexperte oder wenigstens Kunstkenner oder Kunstsammler, im Einzelfall auch der Künstler selbst, sofern er entsprechend arriviert ist; und die Institutionen selbstredend der sogenannten „Kunstwelt“:  Museen, Verlage, Galerien, Festivals, Kunstzeitschriften und so weiter. Ich selbst, als Kunstungebildeter, als Banause, habe dazu keine Meinung zu haben. Sage ich, dieses oder jenes Kunstwerk sagt mir nichts, oder schlimmer noch: sei für mich überhaupt keine Kunst, eben weil es mir nichts sagt, bin ich eben Banause, der von nichts was versteht.

 

Am banausenhaftesten aber gilt Kunstphilosophen und Kunsttheoretikern meine -zugegeben - ausgesprochen konservative oder wenn man so will: altmodische Position, dass ein Künstler etwas können muß, handwerklich besehen, so wie ein Musiker sein Instrument beherrschen muß, ansonsten ist es eben reines Herumdilettieren. Ein Kunstwerk muß – für mich zumindest – mehr sein, als etwas, was jeder ohne Weiteres kann. Es muß, über die grundlegende Idee, die Inspiration des Künstlers hinaus, von Talent künden („da kann einer was“), vielleicht auch von aufgewandtem Fleiß und/oder mühevoller Übung. Oder um es mit Auguste Rodin zu sagen: „Technisches Wissen sowie langsame und überlegte Arbeit, das sieht natürlich nicht so schön aus wie die Inspiration; aber doch sind hier die einzigen Grundlagen der Kunst.“

 

Drei mit Farblack angesprühte Baumstümpfe können allein deshalb schon, für mich zumindest, keine Kunst sein, egal, was ein Herr Ai Weiwei oder eine selbstermächtigte Elite an Kunsttheoretikern und Kunstsachverständigen dazu sagen. Mir als mittlerweile bekennendem Banausen kommt da immer Hans Christian Andersen Märchen von des „Kaisers neuen Kleidern“ in den Sinn.

 

Wenn immer von Kunst die Rede ist, kommt über kurz oder lang das Diktum des österreichischen Kunsttheoretikers Ernst Fischer zur Sprache, demzufolge Kunst alles dürfe, aber nichts müsse. Korrekt zitiert: „Die Kunst muss nichts. Die Kunst darf alles.“ Naja, denkt sich der Banause in mir, das ist ja eine ziemlich inhaltsleere, ja gar alberne Floskel. Die Kunst, wie ich meine, darf keineswegs alles und sie muß sehr wohl was, will sie nicht in völliger Belanglosigkeit versiegen und damit aufhören, Kunst zu sein.

 

Versöhnt mit besagter Killerphrase Fischers „Kunst muss nichts und darf alles“ hat mich ein anderer Satz von ihm, nämlich der, Kunst habe „die Aufgabe, die Welt als veränderungsfähig darzustellen und zu ihrer Veränderung beizutragen.” Das kann ich unterschreiben: Kunst als Ausdruck und Agens des Wandels, oder, wenn man so will: der Läuterung hin zum Besseren, Freieren, Aufgeklärteren. Kunst, wie ich im Katalog der Documenta gelesen habe, trage immer politischen Geist und gesellschaftliche Bezugsgrößen in sich, und zwar deshalb, weil „jeder Künstler, der nicht völlig im Kommerz aufgegangen ist, sich als Vorkämpfer einer besseren Menschheit versteht.“

 

Trägt Kunst diesen Anspruch, für eine bessere, gerechtere Welt einzutreten, nicht erkennbar oder zumindest erspürbar in sich, kann sie für mich nicht wirklich Kunst sein, egal wie talentiert der jeweilige Künstler oder die Künstlerin auch sein mag und egal wie sehr er oder sie sich müht. Ohne diesen Anspruch kann ich allenfalls Talent und aufgewandte Mühe würdigen, technische performance and perfection, aber nicht die Kunst, die sie vielleicht sein will.

 

Das Entscheidende ist die Intention des Künstlers, unabhängig davon, ob und in welchem Ausmaß er sich dieser Intention bewußt ist, ob voll oder halb oder auch überhaupt nicht, ob er sie kognitiv zu reflektieren weiß oder sie vielleicht nur als „Musenkuss“ in seinem Unterbewussten schlummert oder wo auch immer und nach Ausdruck drängst. Auf die Intention kommt es an, darauf, was der Künstler ausdrücken oder mitteilen will, sich selbst gegenüber, Gott oder der Welt gegenüber, egal, die Absicht zählt: was will der Künstler oder die Künstlerin. Erst nachrangig kommt es auf die Frage an, ob er oder sie diesem Wollen auch gerecht werden kann, ob Talent und/oder eingesetzte Mühe ausreichen. Ob er oder sie es kann. Und ausreichend, um für mich Kunst zu sein, ist es, wenn, wie eingangs ausgeführt, das jeweilige Werk oder die Performance mir etwas sagt, mich begeistert, inspiriert  – ein höchstsubjektives Urteil, zu dem ich mich in aller Banausenfreiheit selbst ermächtige –, wenn etwas in mir ausgelöst wird, bewegt, wenn ich, egal ob gefühls- oder verstandesmäßig, staunend etwas begreife oder wenigstens erahne. Ungeachtet dessen, was die Elite der Kunstsachverständigen und Kunsttheoretiker dazu sagt.

 

Darf Kunst alles?

 

Auf einem weiteren Symposium, diesmal im Rahmen einer Ausstellung in der Kunsthalle Dortmund, zu dem ich als Vortragsredner eingeladen war, ging es um die Frage: „Kann Kunst Tierbefreiung?“. Kuratiert wurde die Ausstellung von Marco Wittkowski und Barbara Koch, die mit „I wanna be your dog“ früher schon einmal eine Werkschau zur „Mensch-Tier-Beziehung in der aktuellen Kunst“ organisiert hatten.

 

Bekanntlich, so der Beginn meines Vortrages, hat Kunst sich seit den steinzeitlichen Höhlenmalereien von El Castillo oder Altamira (im heutigen Nordspanien) in sämtlichen nur denkbaren Formen und Ausdrucksweisen des Tieres als „Objekt“ bedient, und bedient sich seiner bis heute. Kann sie dem Tier, wenn das die Intention des Künstlers oder der Künstlerin ist, auch dienen? Sich in den Dienst ihrer Befreiung stellen?

 

Meine Antwort in Kurzform: Ja, selbstredend, eben das ist ja das Wesen der Kunst, dem mit Blick auf eine bessere, gerechtere Welt nach Ausdruck Drängenden Ausdruck zu verleihen. Einen Ausdruck, so unmittelbar und ungesäumt, dass er sich womöglich nur oder überhaupt nur in künstlerischer Selbstfreisetzung, sprich: außerhalb kognitiver Reflexion vergegenwärtigen lässt. Und damit ist auch geklärt, dass Kunst Tierbefreiung nicht nur kann, wenn sie’s denn kann, sondern muß. Die Kunst muß nicht nichts, und konsequenterweise darf sie auch nicht alles. So wenig wie Wissenschaft nicht nichts muß und nicht alles darf, auch wenn sie sich - Stichwort: Tierversuche – fortlaufend darüber hinwegsetzt.

 

Bei aller Provokation und allem Tabubruch, die der Kunst wesenseigen sind und sein müssen: sie muss sich an ethischen Erwägungen und Richtlinien orientieren und sich gegebenenfalls durch solche Erwägungen begrenzen lassen. Ich denke da etwa an eine „Kunstperformance“ des Berliner Malers und Aktionskünstlers Falk Riechwien (*1963), der vor ein paar Jahren in einer szenebekannten Kunstgalerie in Berlin zwei weißen Kaninchen von einer Mitakteurin die Köpfe abschneiden ließ - bei lebendigem Leib -, und die abgeschnittenen Kaninchenköpfe anschließend in Formaldehyd einlegte. Ende der Performance. Ich persönlich halte das nicht für Kunst und daher auch nicht vom Diktum der Kunstfreiheit gedeckt, sondern für pseudokünstlerisch und pseudointellektuell aufgeblasenen Bullshit – für Tierquälerei sowieso -, selbst wenn ich hineininterpretieren könnte, was Riechwien selbst gar nicht getan hat, dass die Aktion ein Schlaglicht auf den Umgang mit Versuchstieren geworfen haben mag.

 

Gleiches gilt für das sogenannte „Orgien Mysterien Theater“ des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nitsch (*1938), bei dem auf offener Bühne Lämmer in Stücke gerissen und Stiere in archaischer Manier ausgeweidet werden (gelegentlich werden auch Schweine geschlachtet und zerstückelt): Blut, Gedärme, Fäkalien, wohin man blickt, worin sich die nackten Protagonisten des Schauspiels wälzen. Nitsch hält sein Spektakel für ein „ästhetisches Ritual seinsmystischer  Existenzverherrlichung“, bei dem „aller Abstieg ins Perverse, Unappetitliche im Sinne einer heilenden Bewusstmachung“ vonstatten gehe. Psychoanalytisch eingefasste Kunst also? Oder künstlerisch eingefasste Psychoanalyse? Mit eingebaut seelenreinigender Katharsis? Regieanweisung Nitsch: „Die Tiere werden ausgeblutet und abgehäutet. Hat Christus (=ein Protagonist) einen Stier getötet, legt er sich auf das am Rücken liegende abgehäutete noch zuckende Tier, saugt am Geschlechtsteil des Stieres, saugt Urin heraus und beißt in das Geschlechtsteil des Stieres. Er küßt die Hoden des Stieres, schleckt die Hoden ab, beißt in die Hoden und zerfleischt und zerschneidet sie schreiend mit einem Skalpell.“

 

Auch wenn Kunsttheoretiker jeder Coleur das alles unter „Kunst“ subsumieren und damit rechtfertigen - 2005 erhielt Nitsch den Großen Österreichischen Staatspreis für Bildende Kunst und selbst am renommierten Wiener Burgtheater werden seine „Mysterienspiele“ aufgeführt -: für mich ist die „Kunst“ Nitschs nichts denn die zutiefst verstörende Selbstinszenierung einer zutiefst gestörten Persönlichkeit. Nitsch, so mein Rat als klinischer Psychologe, sollte sich dringend in Behandlung begeben (freilich nicht unbedingt in eine psychoanalytische), anstatt sein und das Heil der Welt im zur Kunstform erhobenen Zermetzgern von Tierkörpern oder dem Abschneiden von Stierhoden zu suchen. 

 

Noch ein Beispiel, das international hohe Wellen warf: Der südamerikanische Künstler Guillermo Vargas Jiménez (*1975), genannt „Habacuc“, hatte im Rahmen einer mehrtägigen Kunstperformance in der städtischen Galerie von Managua (Nicaragua) einen zuvor eingefangenen, abgemagerten Straßenhund angekettet und während dreier Tage verhungern lassen. Laut eigenen Aussagen habe er damit die Heuchelei der Menschen im Umgang mit Straßenhunden kritisieren wollen: „Wenn ich den Hund als Kunstobjekt in einer Galerie ankette und verhungern lasse“, so Vargas, „wird er plötzlich interessant. Wenn er, wie viele tausend andere, auf der Straße vor Hunger stirbt, kümmert das keinen.“ Auch in der Ausstellung selbst habe niemand den Hund befreit oder ihm etwas zu essen gegeben. Keiner habe irgendetwas unternommen. Später fügte er hinzu, er habe den Hund keineswegs verhungern lassen, vielmehr sei dieser in einem unbeobachteten Moment aus der Galerie entflohen: „Der Hund aus meiner Ausstellung ist heute lebendiger als je zuvor, weil immer noch über ihn gesprochen wird.“ Tatsache ist, dass vor allem über ihn, „Habacuc“, viel gesprochen wurde.

 

Mit Kunst hat das alles nichts zu tun, mit Kunst als Agens von Tierbefreiung erst recht nicht, auch wenn, zumindest bei Guillermo Vargas, ebendas ausdrücklich insinuiert wird; im Gegenteil.

 

I wanna be your Dog II

 

Die großartigen Werke, Installationen und Performances, die im Dortmunder Kunsthaus zu sehen und zu erleben waren („I wanna be your Dog II: Animal Liberation in der aktuellen Kunst“ 5.5.-1.7.2018) haben sowohl aus meinem Verständnis als Tierrechtler und Psychologe, wie auch aus meinem zugegebenermaßen eher bescheidenen Kunstverständnis heraus immenses Potential, einen Bewußtwerdungsbeitrag zu leisten hinsichtlich eines anderen Umganges mit den Tieren.* Einen Beitrag letztlich hin zu ihrer Befreiung. Gerade da, wo Worte und Argumente, philosophische, ethische, wissenschaftliche oder was weiß ich welche Traktate und Abhandlungen, seien sie noch so gut und zutreffend und zwingend formuliert, nichts oder nichts mehr zu bewirken vermögen, wo allenfalls die Kunst noch etwas zu bewirken vermag, wo nur noch Kunst, um mit dem britischen Streetart Artist Bansky zu sprechen, die Bequemen, die es sich bequem eingerichtet haben in ihren Verhältnissen, aus ihrer Bequemlichkeit aufscheuchen kann: „Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable.“

* Beteiligte Künstler*innen waren: Der Artgenosse, Nico Baumgarten, Fjodorrr, Hörner/Antlfinger, Lin May, Robert Matthes, Alfredo Meschi, Chris Moser, Hendrik Müller, Sarah Palmer, Thekla Rickert, RAS, Katharina Rot, Krystyna und Manuel Valverde. Es erschien ein reich bebilderter und mit einer Vielzahl an Texten versehener Ausstellungskatalog, erhältlich hier: www.rootsofcompassion.org

 

in: TIERBEFREIUNG, #110, 4/2021

 

siehe auch: Colin Goldner: Pietá der Tiere, 2018