Zirkus

„Die geborenen Spaßmacher“: Von der falschen Sicht auf Schimpansen hin zu ihrem Missbrauch in Zirkussen, Zoos und sonstiger Unterhaltungsindustrie. in: Tierstudien,  6/2016

ROBBY im Circus Belly

Circus Belly

 

In etwa fünfzig der insgesamt knapp 350 bundes-deutschen Zirkusunternehmen werden bis heute Wildtiere vorgehalten, bis vor wenigen Jahren üblicherweise auch Schimpansen (vereinzelt auch Orang Utans). Vor dem Hintergrund einer bundesministeriellen Leitlinie von 1990, die ein Ende der Haltung von Menschenaffen in Zirkussen und zirkusähnlichen Einrichtungen einforderte, verzichteten die einzelnen Unternehmen peu à peu auf die Mitführung von Menschenaffen (in der Regel freilich nicht ohne zusätzlichen öffentlichen Druck). Der "offiziell" letzte Zirkusschimpanse, der 40+jährige ROBBY, wird bis heute unter indiskutablen Bedingungen von dem im niedersächsischen Wietzendorf ansässigen und vorwiegend in Norddeutschland gastierenden Circus Belly gehalten und als Manegenclown eingesetzt.

 

Jahrelanges Engagement verschiedener Tierrechtsgruppen, ROBBY aus den Händen der Betreiberfamiklie des Circus Belly zu befreien, zeitigte keinerlei Erfolg. Die zuständige Landkreis Celle erteilte fortlaufend verlängerte Haltungsgenehmigungen. Vor dem Hintergrund anhaltenden Protestes wurde im Oktober 2015 die Haltungs-erlaubnis nicht mehr weiter verlängert, vielmehr wurde eine Abgabe ROBBYs an die Primatenschutzeinrichtung Stichting AAP in Holland verfügt.

 

Zirkusschimpanse ROBBY muss abgegeben werden

 

Jahrelanger Protest hat endlich zum Erfolg geführt: Schimpanse Robby, der dreieinhalb Jahrzehnte lang im norddeutschen „Circus Belly“ den Manegenclown hatte geben müssen, muß in eine Auffangeinrichtung abgegeben werden. Der 39jährige Robby gilt als „letzter Zirkusschimpanse Deutschlands“.

 

Sein ganzes Leben lang war Robby alle paar Tage von einer Stadt zur anderen gekarrt worden, wo er in der Manege des „Circus Belly“ immergleiche alberne Kunststücke vorführen musste. In einen lächerlichen Anzug gesteckt musste er auf einem kleinen Tretroller herumfahren oder Bälle jonglieren. Außerhalb der Vorstellungen wurde er in einem 12qm großen Zirkuswagen verwahrt, bei längeren Gastspielen wurde zusätzlich ein kleiner Freiluftkäfig für ihn aufgebaut. Robby hat zeit seines Erwachsenenlebens noch nie einen anderen Schimpansen gesehen.

 

Mit Amtsschreiben vom 19.10.2015 teilte der für den Zirkus zuständige und jahrzehntelang untätig gebliebene Landkreis Celle nunmehr mit, es habe an der „artungerechten Haltung des Schimpansen Robby im Zirkus ohne Artgenossen bereits in der Vergangenheit aus amtstierärztlicher Sicht keine Zweifel“ gegeben, auch würde eine „Haltungsgenehmigung heutzutage für vergleichbare Fälle nicht mehr erteilt werden.“ Lediglich der Umstand, dass es sich bei Robby um einen von Menschenhand aufgezogenen Schimpansen handle, der ohne arteigenen Kontakt seit mehr als dreissig Jahren in enger Bindung zur Zirkusfamilie lebe, habe die bisherige Haltungserlaubnis gerechtfertigt. Entgegen früherer Gutachten sei man nun aber zur Erkenntnis gelangt dass die „Erfolgsaussichten recht gut sind, ein dermaßen langjährig fehlgeprägtes Tier zu resozialisieren.“ Insofern sei „diesem Ansatz in Abwägung mit den auch durchaus bestehenden Risiken der Vorrang zu geben.“ Mit dieser Begründung ordnete Kreisveterinär Heiko Wessel die bis Ende des Jahres 2015  zu vollziehende Abgabe Robbys an eine „für die Resozialisierung von Schimpansen spezialisierte Haltungseinrichtung“ - gemeint ist die holländische Stichting AAP, die in Spanien ein Primatenrefugium unterhält - an.

 

Auch wenn Zirkusbetreiber Klaus Köhler gegen die Abgabeverfügung vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg klagte mit dem Argument, Schimpanse Robby sei zu alt für eine Zusammenführung mit anderen Schimpansen und müsse deshalb im Zirkus verbleiben dürfen, sind die Tage gezählt, in denen Robby zum Vergnügen des Publikums den Manegenclown geben musste. Für das aktuelle Gastspiel wurde bereits ein Auftrittsverbot verfügt.

 

Colin Goldner

TIERBEFREIUNG #89, Dez. 2015

 

Nachtrag

 

Bedauerlicherweise gelang es der Betreiberfamilie des Circus Belly, mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg die Verfügung des Landkreises Celle, ROBBY zum Jahresende 2015 an die Stichting AAP abzugeben, vorläufig außer Kraft zu setzen. Das Gericht hatte einem Antrag des Circus auf vorläufigen Rechtsschutz stattgegeben und die aufschiebende Wirkung der Klage angeordnet. Die Kammer stellte allerdings auch fest, dass insbesondere die Einzelhaltung des Schimpansen tierschutzwidrig sei und nicht den Vorgaben des „Gutachtens über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren “ und den „Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen“ genüge. Eine Fortnahme des Tieres aus dem Zirkus sei aber nach der gesetzlichen Regelung nur zulässig, wenn darüberhinaus eine erhebliche Vernachlässigung oder eine erhebliche Verhaltens-störung bei dem betroffenen Tier vorliege.

Der Spiegel 48/2015

Ob dies der Fall sei, müsse nach Auffassung der Kammer im Hauptsacheverfahren geklärt werden. Bis dahin dürfe bzw. müsse ROBBY weiterhin im Circus Belly verbleiben. (Manegenauftritte wurden bis auf Weiteres untersagt, nach Beschwerde des Circus aber unter Auflagen wieder genehmigt.)

 

Die behördliche Abgabeverfügung zeitigte enorme Medienresonanz, zahlreiche regionale wie auch überregionale Medien berichteten darüber (während die jahrzehntelange Gefangenhaltung und Zur- schaustellung ROBBYs im Circus Belly zuvor niemanden interessiert hatte). Selbst der Spiegel brachte einen großaufgemachten Beitrag: Robby bleibt vorerst ein Zirkusaffe

 

Bezeichnendes Detail am Rande: Als "sachverständiger Gutachter" im Interesse des Circus Belly fungierte Michael Böer, hauptamtlicher Direktor des Zoos Osnabrück. Eine schiere Groteske, wie Claudia Goldner vom Great Ape Project in einem LeserInnen- brief an den Spiegel anmerkte. (Als weitere Gutachterin fungierte in der Folge eine zirkus-/zooaffine Veterinärmedizinerin aus Bremen, deren zentrales Argument darin bestand, ROBBY sei unumkehrbar auf Menschen "fehlgeprägt": er halte sich für einen Menschen und müsse deshalb in seiner menschlichen (Zirkus-)Familie verbleiben. Im Übrigen sei er mittlerweile zu alt für eine Umsiedelung bzw. Resozialisierung.)

Vorletzter Stand der Dinge

 

Mit Urteil vom 27.4.2017 hat das Verwaltungsgericht Lüneburg entschieden, dass ROBBY nicht im Zirkus verbleiben müsse. Er solle in die Auffangeinrichtung Stichting AAP in Holland (und von da aus in das Primatenrefugium Primadomus der Stichting AAP nahe Valencia, Spanien) verbracht werden.

Photo: n-tv

Mit Beschluß vom 23.1.2018 hin-gegen ließ das Oberverwaltungs-gericht Lüneburg die Berufung des Circus Belly gegen das o.b. Urteil des VG Lüneburg zu, so dass ROBBY vorläufig im Circus verblieb. Er wurde weiterhin zu den jeweiligen Gastspielorten mitgeführt und dort auch zur Schau gestellt, wenngleich nicht mehr in der Manege eingesetzt. vgl. auch hier

 

In den weiterhin zahllosen Boulevardmeldungen zum Fall ROBBY wurde wie gehabt sehr einseitig für einen Verbleib des Schimpansen im Circus Belly plädiert: zentrale Argumente waren seine angeblich unumkehrbare Prägung auf Menschen sowie sein hohes Alter, was eine Umsiedelung nach Stichting AAP kategorisch verbiete. Ein Artikel, der die Position des GAP zumindest kurz erwähnte, erschien in der taz vom 20.10.2018

 

Als Termin für die Verhandlung vor dem OVG Lüneburg wurde der 8.11.2018 anberaumt. vgl. Gericht kündigt Entscheidung zu Robby an.

 

Endurteil

 

Tatsächlich urteilte das OVG Lüneburg am 8.11.2018 in letztinstanzlicher, sprich: nicht mehr anfechtbarer Entscheidung, dass ROBBY im Circus Belly zu verbleiben hat. Der Betreiber des Circus hat letztgültig obsiegt. vgl. auch Robby bleibt (Kommentar auf GEO)

 

In Anerkenntnis des OVG-Beschlusses wird von Tierrechtsseite (hier: PeTA) weiterhin die Forderung an die am jeweiligen Gastspielort des Circus Belly zuständigen Veterinärämter aufrechterhalten, wenigstens für die Einhaltung der (in sich völlig unzulänglichen) Haltungssrichtlinien für Menschenaffen in Zirkussen zu sorgen, die vom Circus Belly seit je nicht erfüllt werden.

 

Ein Team des Great Ape Project hat im August 2019 die Haltungsbedingungen ROBBYs an einem Gastspielort des Circus Belly in Norddeutschland in Augenschein genommen. Während das GAP den OVG-Beschluss ausdrücklich anerkennt, wird die PeTA-Forderung aus (tier)rechtlicher wie primatologischer Sicht vollumfänglich unterstützt.

 

Aktuell (Dez 2019)

 

ROBBY wird weiterhin an sämtliche Gastspielorte des Circus Belly mitgeführt und kann von Besuchern der jeweiligen Vorstellungen in seinem Außenkäfig besichtigt werden. Auftritte in der Manege hat er dem Vernehmen nach nicht mehr zu absolvieren: Schimpanse Robby macht keine Kunststücke in der Manege mehr. in: Cellesche Zeitung vom 8.11.2019

 

Screenshot aus einem SAT1-Bericht vom 30.3.2020
covid-19 (März 2020)
 
Auch Zirkussen - mit und ohne Haltung von Tieren - setzt die Corona-Krise massiv zu. Darunter auch dem Circus Belly, bekannt als letzter Zirkus hierzulande, der einen Menschenaffen mitführt. Wenngleich nicht mehr in der Manege eingesetzt, ist Schimpanse ROBBY doch nach wie vor Teil des zirzensischen Unterhaltungsprogrammes: in den Vorstellungspausen kann das pp.Publikum ihn in seinem Freiluftkäfig besichtigen.
 
Während die Bremer Tierärztin, die die rund 50 Tiere des Circus Belly regelmäßig betreut, in Zeiten der Corona-Krise selbstverständlich eine Gesichtsmaske trägt, wenn sie sich ROBBY nähert, tut Zirkusdirektor Köhler sträflicherweise nichts dergleichen. (vgl. SAT1-Bericht vom 30.3.2020)

Hier geht's zum Schwabenpark, einem Freizeit- und Amusementpark nahe Stuttgart, in dem unter indiskutablen Bedingungen seit je Schimpansen vorgehalten werden, gegenwärtig 37 Tiere (Stand 10/2019).

Seit Juli 2019 läuft eine breit angelegte Kampagne "Wildtiere raus aus dem Zirkus. Jetzt!". Zusammen mit über 40 namhaften Tierschutz-/Tierrechtsorganisationen fordert auch das Great Ape Project  die Bundesregierung auf, endlich eine entsprechende Rechtsverordnung zu erlassen, wie die Ländervertretungen dies seit Jahren verlangen; und wie dies auch dem Wunsch der Bevölkerungsmehrheit entspräche.

Wie seit je werden Tiere auch heute noch zur Belustigung des Menschen ausgebeutet. Sie müssen zu Sport- und Freizeitvergnügen jedweder Sorte herhalten, zu Pferde-rennen, Hobbyjagd, Sportangeln, Stierkampf, Rodeo und vielerlei sonstigem Missbrauch im Namen von Kultur, Tradition und Entertainment. Zum weitestverbreiteten und kulturell tiefstverwurzelten Missbrauch von Tieren zählt ihre Zurschaustellung in Zoos und Zirkussen. Schon kleine Kinder lernen hier, dass es völlig normal und richtig ist, Tiere zu Unterhaltungszwecken zu nutzen. Zoos und Zirkusse sind insofern primäre Konditionierungseinrichtungen, die den Boden bereiten für jede andere Form der Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren. 175 S, zahlreiche Abb., ISBN 978-3-86569-276-4, 16,00 Euro, erhältlich über jede Buchhandlung oder am besten direkt über den Alibri-Verlag. vgl. auch hier